Leseproben

Ablegen Leseprobe vom „Kreuzfahrtmord

Leseprobe Anni – Treibgut

 Autonomes Fahren Leseprobe HP

 

Die Letzte Schicht – aus dem ersten Buch – Fahrt ins Unglück und zurück

Jürgen hatte in Magdeburg sein letztes Brot gegessen, diese Fuhre noch, dann abhängen, den hinteren Triebwagen schnell in die FIS (Fahrzeuginstandhaltungsservice) fahren, die nahmen den dann ab, tankten und machten Abschlussdienst.
Das war gut hier, obwohl, dadurch hast du keine Übung mehr, du verlernst komplett den Abschlussdienst. Er hatte sich das ein laminiert, den Vorbereitungsdienst und den Abschlussdienst, falls er das mal machen musste, bei den Kisten, dann könnte er nach Checkliste arbeiten. Hier musste er das nicht machen, aber man soll ja nicht unzufrieden sein, danach war dann Feierabend.
Nicht irgendwo am Bock, er konnte noch ein kleines Schwätzchen machen, nur ein Bierchen gab´s nicht mehr, machte alles zu um 23:00 Uhr. War auch egal, er hatte noch 10 km Heimweg mit dem Auto. Feierabend, das war gut, die Nachmittagschicht war zwar nicht sehr anstrengend, aber irgendwie war er geschlaucht. Seine Frau, die Anna, war jetzt mit den restlichen Sachen gekommen, die waren ausgeladen und mussten alle an ihren Ort verbracht werden, das kostete Zeit und Mühe.
Da hatten sie dann viel zu tun. Und dann war es schön wieder mit ihr zusammen zu sein, nicht mehr alles alleine machen zu müssen, aber auch was Schönes im Bett neben sich zu haben.
Ja, das Leben als Mann ist schon anstrengend und er lachte glücklich und leise in sich hinein. Ein warmes, schönes Gefühl überkam ihn. Das hielt aber nicht lange, Sabine kam, und mit ihr die schlechte Laune einer unbefriedigten Frau. Er hatte sich angewöhnt, das so zu nehmen, wie es ist, das brachte am wenigsten Ärger, aber sie sagte diesmal nix und trank den letzten Kaffee, den sie übrig hatte, würde sowieso keiner mehr einen kaufen und so wurde der wenigstens nicht weggeschüttet, dass das eigentlich jetzt egal war, davon ahnte sie nichts.
Irgendwie hatte er das Gefühl, er würde ein letztes Mal in ihre schönen, grossen, blauen Augen schauen. Mann, die war doch schön, diese Frau, warum ist die so unglücklich, könnte doch jeden Kerl kriegen, der will, und wer würde bei der nicht wollen, ausser er natürlich, das war klar.
Es ging los, die Zeit war ran, fertiggemeldet war der Zug und der Machteburjer Fahrdienstleiter hatte rechtzeitig Licht gemacht und so konnte man pünktlich abfahren. Das war schön für ihn, nach einem gutem halben Jahr Routine und so durchfuhren sie die Stadt, aus ihr heraus und bogen rechts ab, weg von der Stecke nach Halle. Jetzt mussten sie überall halten, das war ein Bummelzug, der Lumpensammler und so blieb keine Zeit zum Denken, anhalten, Türen auf, rausgucken, Türen zu, abfahren. An jedem Nest stieg einer aus, am vorletzten und am letzten, das war eine grössere Stadt, Oschersleben, wo auch eine Rennstrecke war, stiegen ein paar Leute aus. Es stiegen auch ein paar ein, Mann wären die bloss in der Kneipe geblieben oder wo die auch immer herkamen .
Aber das ahnte keiner. Niemand hatte eine Ahnung, was nun kommen sollte, sonst wäre das ja gar nicht erst passiert. Die Ausfahrt stand, und es ging weiter, im Dunkeln bei diesigem Wetter, in den Nebel vor Hordorf. Das war komisch hier, hier war oft Brühe. Aber die Signale standen gut, zwar ungesichert, keine punktförmige Zugbeeinflussung, aber die Abstände waren gut und wenn die Sicht gut ist, kann man auch die Signale an der Überleitstelle gut sehen und oft in drei weisse Lichter sehen. Letztens hatte er so was, etwa vor 4 Wochen, da hatte der Güterzug der Gegenrichtung sein Signal überfahren, das war gut zu sehen, also passierte nichts, dachte Jürgen gerade, als es aus den Lautsprechern schallte: „Verdammte Scheisse“, kam noch vorher durch und dann: “ Betriebsgefahr alle Züge sofort anhalten, sofort anhalten, alle Züge, Betriebsgefahr!“, und die Stimme überschlug sich. Scheisse, dachte auch Jürgen und riss beim B des Wortes Betriebsgefahr reflexartig durch, ihm schoss das vor 4 Wochen durch den Kopf, gerade hatte er daran gedacht.
Doch schon als der Hebel bereits hinten lag, ganz kurz danach, sah er in drei grosse weisse Augen und hinter ihm stand Sabine und hatte ebenso grosse blaue Augen, in die er nie wieder blicken würde. Die Tachonadel rutschte auf 60 runter, die blaue ABS Lampe blinkte, das Fahrzeug rutschte und die Augen wurden immer grösser und grösser, bis sie mit ihnen verschmolzen. Wie in einem Karussell kullerten sie umher, es tanzte alles, es knallte unglaublich und bevor alles Licht verlöschte dachte Jürgen noch an die grossen braunen Augen seiner Anna, in die er nie mehr blicken würde, „Scheisse meine liebe Anna, wäre ich doch bloss zu Hause geblieben.“
Und es schien fast eine Ewigkeit zu dauern, ehe es richtig dunkel wurde, für immer dunkel, denn er nahm noch blaue Lichter wahr und hektisches Treiben um ihn herum, aber es kam niemand an ihn heran, sie lagen sowas von blöd, na dann also, tschüss…..

Die böse Nachricht

Endlich war Schluss. Die Menschen waren geborgen, tot oder lebendig und in Sicherheit gebracht. Gefahrenpunkte abgearbeitet, Diesel abgepumpt, Batteriesäure abgelassen. Kühlwasser abgelassen, alles natürlich aufgefangen und in Sicherheit gebracht. Schön das die Technik heute nicht alles auslaufen lässt. Nun können die Ermittler ran, obwohl die schon angefangen hatten. Absperren, absichern, als sie noch bei der Arbeit waren. Aber was gab es schon zu sichern, einer von der Eisenbahn hatte gesagt, das wäre alles sonnenklar. Na ja, egal, nun hatten sie, die Feuerwehr, Feierabend. Sie sind alle rüber, es war schon fast halb neun Uhr morgens und der Kneiper hatte Brötchen bereitgestellt. Alle waren müde und abgespannt, erst einmal was trinken und dann was essen. An schlafen war trotz allem bei Einigen sicher nicht zu denken, zu viel Adrenalin war unterwegs, das musste erst irgendwie weg.
Noch nahm niemand das freundliche Rot des Hackepeters mit einer anderen Assoziation wahr, die dem da draussen nahekam, man ass, trank erst Kaffee und dann stellte der Kneiper Bier hin.
Upps, am Morgen Bier, ach was, war ja gar nicht morgen, sie hatten ja fast 9 Stunden ohne Pause gearbeitet, das war jetzt Feierabend, das war Abend, man würde sowieso bald ins Bett gehen, also war jetzt Abend.
Aber so intensiv dachte niemand daran, man zischte die kühle Blonde und nach der Arbeit schmeckte das eben gut. Und die Arbeit mit dieser Anspannung, mit diesen Ergebnissen, die brauchte irgendwas Ungesundes hinterher, zum Runter spülen. Niemand sprach viel, ausser, gib mal die Butter rüber, oder den Kaffee, alle assen und tranken, fast wie mechanisch. So etwas hatte man nicht alle Tage.
Mal ein Feuer, mal ein Unfall auf der Landstraße, wenn wieder ein junger Bengel voll cool den Rambo raushängen liess, weil hinten Bräute sitzen. Aber das Format eines Heinz Harald hat der halt nicht.
Ist eben kein Videospiel so ein Auto und Kunst kommt nun mal von Können, und Können von üben, üben, üben. Man war nur betroffen, wenn es wer Bekanntes war, nach der Devise, du der Kevin von den Müllers, den haben wir gerade aus dem Auto geschnitten…
Aber auch das war nicht so alltäglich, auch die Jugend rottet sich nicht massenweise aus, sind nur ein paar Deppen, wie in der wirklichen Natur, nur die Deppen kommen um, werden gefressen, nur für die Schweine fehlt was, klar ein paar Wildunfälle, aber die Wildschweine nahmen überhand, die Wölfe fehlen.
Also keine Konversation, noch wollte keiner über was reden, na ja, man wird sehen.
Es war einiges los um sie herum, die Polizei kam und ging, Herren in Schlips, Männer in merkwürdigen Uniformen, wahrscheinlich Eisenbahner, ja stimmt, DB war auch dabei. Ein Uniformierter kam an ihren Tisch. Albert, der Feuerwehrmann erkannte ihn, es war der Kriminaloberrat der Polizei und so stellte er sich auch vor: „Oberrat Hengasch, danke Männer, gute Arbeit, ich hoffe jeder hat auch draussen bekommen, was er gebraucht hat. Ich habe mir Mühe gegeben, euch das da, so angenehm wie möglich zu machen. Trinkt ruhig auch euer Bier, habt ihr verdammt verdient. Ist alles bezahlt. Wir brauchen noch eure Aussagen, aber das machen wir, wenn ihr geschlafen habt und wieder fit seit.
Hier habt ihr die Telefonnummern, der psychologischen Dienste, der Seelsorge und unsere wegen der Aussagen. Nehmt das in Anspruch, es steht euch zu, ihr könnt es brauchen. Keine falsche Scham, meldet euch wenn es Probleme gibt, wenn es was zu sagen gibt. Alles Gute für euch“, und damit war er durch und klopfte auf den Tisch und wandte sich einem Schlipsträger zu, der hinter ihm aufgetaucht war.
„Die Kollegen vernehmen wir dann morgen, wenn sie ausgeruht sind, die brauchen heute Ruhe. Der Stellwerksmeister und der andere Lokführer sind im Krankenhaus, die Menschen sind alle geborgen und das Gepäck sichergestellt.“
Der Staatsanwalt sagte, als sie sich zum Gehen in Richtung des Saales wandten: „Organisieren Sie das mit den Opfern, sind die Personalien festgestellt?“
„Ja, haben wir alles gemacht, wird schon bearbeitet, eine Liste haben wir bald. Ich denke, ich nehme mir Ihren Assistenten mit und mache das selbst gleich, hier ist jetzt alles klar.“ Der Staatsanwalt war einverstanden.
„Machen sie das so“, und er verschwand wieder, was sollte er denn noch hier, er bekam alle Berichte auf seinen Schreibtisch. Der Oberrat ging zu einem Tisch im Saal. Dort sass ein Mann an einem Laptop und bearbeitete etwas.
„Wie sieht es aus, hast du die Liste fertig“, sprach er den Beamten an und der nickte nur kurz, stand auf und ging zu einem Drucker und holte ein Papierstück.
„Bitte, hier sind die Opfer mit Adressen und auch die Telefonnummern, soweit wir sie herausbekommen konnten, aber das ist ja nicht so wichtig, dass machst du ja persönlich denke ich“, und er dachte richtig, man kannte sich und er, der Oberrat war geschätzt für seine Arbeitsweise, die ein wenig unkonventionell war, als man sie bisher kannte. Ja, das war keiner der mal eben Jura studiert hat und nun Polizeichef spielen wollte. Das war ein Mann der Praxis, selbst mal bei der Tötung gewesen. Der Oberrat bestellte noch Kaffee beim Wirt für seine Leute und machte sich auf den Weg.
„Jetzt kommt das Schlimmste“, dachte er als er in das Auto stieg und sich neben den Assistenten des Staatsanwalts setzte. In der Hand hielt er die Liste mit den 12 Namen der Opfer und deren Adressen. Bei ein paar waren Bemerkungen dazugesetzt, wie „Allein“ oder „ Exmann“ oder “ in Frankfurt“.
Die schieden also aus, da konnte man jetzt nichts machen, aber das musste geschehen, bevor die Nachrichten gross rauskamen damit und sie hatten sich eine Nachrichtensperre bis zu den Abendnachrichten ausbedungen, dann war alles hoffentlich erledigt. Ja, wenn man das nicht hinbekam, ja, dann ging das eben nicht. Ihm fiel noch ein, dass er den Horst mitnehmen wollte, den Eisenbahnbetriebsleiter der BEX, und stieg noch einmal aus. In der Kneipe stand er am Tresen und schlürfte einen Kaffee. „ Horst Selbig, glaube ich, Oberrat Hengasch, ich leite die Ermittlungen hier. Ich will zu den Opfern fahren und ich glaube es ist gut, wenn sie bei Ihrem Lokführer und der Zugbegleiterin mitkommen, denke ich.“
Horst nickte nur und kippte seinen Kaffee hinter, der war ohnehin nicht mehr so warm. „Danke, das hätte ich in der Tat gerne gemacht. Oh, gerne, natürlich nicht, aber du weißt ja wie ich das meine.“ ,erwiderte Horst und der Rat nickte nur und winkte ihn hinter sich her.
Bevor es losging, nahm er noch sein Telefon in die Hand und wählte eine Nummer: „Oberrat Hengasch hier, bitte die Frau Schirner, es ist dringend“, sagte er, als sich jemand gemeldet hatte.
Sie war augenblicklich da, wusste sie ja schon, das was passiert ist. „ Hallo Maria“, man kannte sich aus der Schule. „Der Jürgen Krambach ist verunglückt, sehr schwer, nur dass du Bescheid weißt, wegen der Dispo.“
„Der Horst hat mich schon informiert, wegen der ganzen Umstellungen, wir sind schon dabei, ihr braucht doch sicher Unterlagen, die liegen schon da“, zum Heulen war keine Zeit obwohl ihr danach zumute war und sie legte auf. Horst schaute ihn an: „Woher kennst du denn Maria, unsere Disponentin?“
Der Oberrat grinste ihn an: „Tja, der Staat kennt alle! Ne, im Ernst, Schule und weitläufige Verwandtschaft.“
„Da muss man ja echt aufpassen, ist ja hier wie zu Ostzeiten“, grinste Horst zurück und sie stiegen in das Auto ein. Der Oberrat grinste zurück: „Wir sind ja im Osten. Oder meinst du, dass das im Westen anders ist?“
Horst schüttelte nur den Kopf. Sie stiegen in das Auto und der Rat nahm sich die Liste.
Da war eine ganze Familie, die Frau tot, der Mann lebte, zwei Brüder tot, er und das Mädchen schwer verletzt. Zum Kollegen sagte er dann: „Hier muss es doch Grosseltern geben, rufen sie doch mal den Kollegen an“, und zum Fahrer gewandt: „Halberstadt, Gartenstraße 3, bitte.“ Der Fahrer fuhr los.

*

Mittlerweile waren die Feuerwehrleute beim dritten oder vierten Bier angelangt, beim Löschen war man ja gut, auf Feuerwehrbällen und aufgeben galt nicht. Auch jetzt nicht, man war ja fertig, fix und fertig und es gab einen Fahrdienst, der sie nach Hause bringen würde. Man wollte so oder so kein Risiko eingehen, abgesehen vom Posttrauma, das bei dem einen oder dem anderen sicher kommen würde. Die Feuerwehrautos waren schon weg, die Fahrer waren wiedergekommen. So landete dann nach und nach jeder bei sich zu Hause, duschte und kroch ins Bett. Vielleicht war es auch gut, dass einige von Ihnen nur noch ins Bett kriechen konnten, obwohl, das Trauma konnte warten, erst einmal eine Mütze Schlaf. Nur Albert konnte nicht schlafen. Da er wenig vertrug, hatte er auch wenig getrunken, aber trotz der harten Arbeit und des Alkohols konnte er nicht einschlafen. Seine Frau war arbeiten, die Kinder in der Schule, also zog er sich an und ging spazieren. Die Luft war frisch, die Sonne schien und er ging ins nahe gelegene Wäldchen. Er zog die Luft des Waldes tief ins sich hinein und die Vögel zwitscherten, das waren angenehme Geräusche, Amseln, Buchfinken, ein Specht hämmerte an einem Baum. Die Sonne schien durch das Laub hindurch und erzeugte ein eigenartiges Licht, wie Nebel, aber klarer, man konnte die Luft richtig sehen. Er hörte ein chchch, Schweine, wo, und plötzlich sah er sie, die Sau, den Schwarzkittel, mitten auf dem Weg. Er blieb stehen, Adrenalin schoss ihm durch die Adern, aber irgendwie wirkte das nicht mehr, vielleicht war es auch alle, unwirksam, dachte er. Er blieb einfach stehen, unfähig an was zu denken, an Flucht, oder Angriff, hier bloss laut brüllen, er tat einfach nichts. Die Sau blickte ihn an, man sah sich in die Augen und hinter ihr trottete die ganze Rotte braunschwarze Frischlinge über den Weg, die waren nicht mehr sehr klein. Die Sau starrte ihn nur an, sie schien zu sichern und als alle weg waren, verwandelte sich ihr starrer Blick, als wollte sie Tschüss sagen. Ich bin dann auch mal weg, und verschwand in die Büsche.
Er ging weiter, wie betäubt, so etwa 100 m auf einer Lichtung, dort stand eine Bank, die er erreichen wollte. Dort liess er sich nieder und wie ausgeknipst, als wenn man das Licht ausschaltet, war er mit einem Schlage weg. Er kam wieder zu sich in einem hellen, weißen Raum, da waren bereits mehr als 48 Stunden vergangen.
*

Das Schlimmste war der Besuch bei der Frau des Lokführers, sicher alle anderen waren auch nicht einfach, es war immerhin jemand verschwunden von dieser Welt, lag in einer Blechkiste, wurde noch obduziert, so wie es das Gesetz hier vorschreibt, aber das hier war besonders tragisch.
Anna Krambach, die Frau von Jürgen Krambach, dem verunglücktem Lokführer, wohnte in einem kleinen Häuschen, dem man die 5 Zimmer von draussen gar nicht ansah. Das Haus war ein kleines Raumwunder. Der Garten war im Entstehen, war lange brach gelegen, aber erst kam das Wohnen, dann die Schönheit. Von aussen war es ein schönes Haus, hübsch gemacht, nur innen sah man noch die Provisorien, die sich einstellten, wenn man getrennt leben musste, beziehungsweise erst später nachziehen konnte. Laut Meldestelle wusste der Kriminalrat, dass sie erst 3 Wochen hier wohnte, vorher in Schwerin. Der Eisenbahnbetriebsleiter, der unbedingt zu Anna mitwollte, hatte ihm erzählt, dass Jürgen seit 9 Monaten hier wohnte, und nach der Probezeit kündigte seine Frau ihren Job in Schwerin, die Wohnung und wickelte dort alles ab. Anna war eine schlanke, aber dennoch robuste Frau, hatte kurze schwarze Haare, sie war wirklich schön.
Ach Gott, warum muss das denn sein.
Sie war zu Hause, hatte noch Resturlaub und Umzugstage und war nun gerade damit beschäftigt die weibliche Ordnung im Haushalt herzustellen. Die Küche hatte die Ordnung schon, beim Rest musste die Männerordnung noch beseitigt werden. Das wollte sie heute zum grossen Teil erledigen.
Es klingelte, sie blickte aus dem Fenster und sah die drei Männer am Tor stehen. Was wollen die denn, dachte sie und sah dann die Uniform, also keine Räuber und ging zum Tor und fragte, was es gäbe. Irgendwie war das komisch, Jürgen war noch nicht nach Hause gekommen und sie hatte keine Ahnung warum. Aber vielleicht war wieder jemand ausgefallen und er musste aushelfen, aber es war schon 9:30 Uhr, das war sehr lange, zu lange. Der erste Zug war das nicht mehr, und das war komisch. Sie hatte die Kinder fertiggemacht, die waren in der Schule und ihre Unruhe wurde grösser, warum er nicht heimkam. Aber es kam schon vor, das er sowas machte, jetzt, wo sie wieder sich um die Kinder kümmern konnte. Und warum rief er nicht einfach an, sie kontrollierte ihr Handy, nein da war nichts, und auch das Telefon war in Ordnung, es piepste. Sie hatte absolut keine Ahnung, kein Gefühl, für das was jetzt kommen sollte. Der Kriminaloberrat stellte sich und die beiden anderen Männer vor, und bat hereinkommen zu dürfen.
„Kriminaloberrat, Bex, Assistent der Staatsanwaltschaft, was wollen die?“, und sie beschlich eine eisige Kälte. Sie bat die Männer herein, bot ihnen Platz an, fragte, ob sie irgendetwas wollten und sie fühlte sich wie im Kino, wie in einem Film. Aber da wusste sie, es geht sie nichts an, es geht wieder vorbei, nachher ist wieder Licht und alles war wie vorher.
Dieses ungute Gefühl kam, wurde immer stärker und überfiel sie wie eine Schlange, die langsam an ihr Opfer empor kriecht, um es dann zu erwürgen. Der Kriminalrat begann. „Es tut mir leid, dass wir so über sie herfallen, und dass zu dritt, aber der Herr Helbig bestand darauf dabei zu sein. Wie lange sind sie denn schon hier?“, fragte er. Eine blöde Frage, aber irgendwie musste er anfangen.
„ 22 Tage“, sagte sie lächelnd. So ein schönes Lächeln, dachte der sich, warum muss das hier sein?
„Ja, ich habe noch viel zu tun“, sagte sie und alle dachten, dass das wird wohl nichts werden wird.
„Wer ist denn hier ihr Arbeitgeber?“, wollte Horst wissen, er ahnte, dass er helfen musste.
„Die Stadt, das Liegenschaftsamt. Wieso wollen sie das wissen“, fragte sie zurück und wurde immer misstrauischer. Mittlerweile hatte die Schlange ihren Hals erreicht und fing an zuzudrücken, ganz, ganz langsam, da musste was ganz, ganz böses kommen.
„Ja, dann man los!“, dachte der Kriminalrat leise und begann. „Ja, es tut mir sehr leid, uns allen“, hattest du schon, dachte er. „Aber wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass ihr Mann heute Nacht in Ausübung seines Dienstes tödlich verunglückt ist.“
Was redest du für ein Scheiß, dachte Horst, das klingt ja wie: „Für Führer Volk und Vaterland gefallen!“, aber er hatte gesagt, verunglückt.
Was, verunglückt ist, verunglückt ist, verunglückt ist, hallte es durch Ihren Kopf, wie durch einen riesigen Resonanzraum, laut, lauter, immer lauter und lauter. Sie erstarrte: “Was?“, entfuhr es ihr, und Panik überfiel sie, wie ein schwarzer Panther und die Schlange an ihrer Gurgel, nach die sie jetzt fasste, zog sich immer weiter zusammen. Sie versuchte die Hand zwischen ihren Hals und der Schlange zu bekommen, aber das gelang ihr nicht, die war einfach viel zu stark. „Was tot?“, entwich es ihr noch einmal, „Warum?“ Mehr ein Wispern, ein Hauch, und sie hörte noch: „Ja leider im Dienst. Wenn sie jetzt Hilfe brauchen, ich organisieren jede erdenkliche Hilfe für sie und ihre Kinder“, redete Horst auf sie ein. „Warum das denn“, und die Schlange nahm ihr die Luft und der Panther sprang sie von hinten an und riss sie um.
Damit musste man immer rechnen und der Krankenwagen mit dem Notarzt war sofort da, war gewissermaßen um die Ecke geparkt und sie luden sie ein, sie nahmen auch sie mit.
Horst rief die Disponentin an und bat sie: „Maria, wer kann sich hier bei Jürgen und Anna um die Dinge kümmern“, und Maria fragte nicht erst, sie ahnte wo sie waren und was passiert war, sie hatte schon daran gedacht. Sie hatte jetzt zwei Probleme, eigentlich sogar drei, aber bei der Zugbegleiterin, der Sabine war alles geregelt. Sie brauchte noch einen Lokführer und sie musste die ganzen Dienste umprogrammieren, bis die Strecke wieder frei war. Auch für die Jungen von Jürgen hatte sie eine Lösung und sie organisierte sie. Anna war nun im Krankenhaus. Das war das Schlimmste, was Horst je erlebt hatte, obwohl keiner wirklich Spass daran gehabt hätte, aber das hier, das war besonders böse. Auch dem Oberrat war sehr unbehaglich zumute und er schaute auf seine Liste. Die Zugbegleiterin war alleine, man musste also die Eltern benachrichtigen und die wohnten in Halle, das machten die Kollegen dann dort, Gott sei Dank dachte er noch, ehe sie weiterfuhren, aber es gab noch mehr Probleme, das wusste er.

Leseprobe Zurück ins Leben – das zweite Buch und order die Fortsetzung des 1.

Anna im Krankenhaus

Sie wurde im Krankenhaus wach, jedenfalls sah das so aus, als sie die Augen aufmachte. Sie war sehr schwach, sie fühlte sich so zerschlagen. Kurz war sie nur wach, dann schlief sie wieder ein oder war das eine Ohnmacht? Das nächste Mal war es Nacht, als sie erwachte, sie wusste gar nicht, wo sie war, es war so dunkel und wieder hatte sie das Gefühl, die Schlange würde sie würgen und der Panther lauerte, um über sie herzufallen. Was war das? Sie nahm ihre Kräfte zusammen und bekam wieder Luft. Wo bin ich, ihre Hände tasteten und fanden einen Gegenstand, sie nahm ihn und drückte drauf. Das war der Notknopf, auf den sie gedrückt hatte und sehr schnell war eine Schwester da, kurz danach kam auch der Arzt.
Der hatte geschlafen, sah müde aus. „Was ist los Frau Krambach, was haben sie“, fragte die Schwester, der Arzt maß den Puls. Anna sagte nur etwas von einer Schlange und „wo bin ich?“, sie stammelte, ja, das kam von den Pillen, die dämpften sie zu stark und der Arzt beschloss, die Dosierung zu halbieren.
„War wohl doch zu viel“, dachte er und setzte sich an das Bett von Anna, die Schwester schickte er weg. Er selbst war 40, Stationsarzt, alleinstehend, das heißt, geschieden, ja so was kommt auch bei Ärzten vor. Er strich ihr das Haar aus dem Gesicht: „Beruhigen sie sich Frau Krambach, ich sage Anna zu Ihnen. Sie sind im Krankenhaus, es ist Nacht und sie haben fast 48 Stunden geschlafen. Sie sind umgefallen. Wissen sie, warum das geschah?“, fragte er sie.
Vielleicht hatte sie ja alles komplett verdrängt und er dachte an ihre beiden Jungen, die jetzt alleine waren. Nein, alleine waren sie nicht wirklich, sie waren untergebracht bei Kollegen von Jürgen, ihrem Mann, eigentlich ihrem Exmann, ihrem toten Mann, nicht im Heim. Die wussten noch gar nichts, denen hat man bloß gesagt, Mama und Papa sind im Krankenhaus.
Das war unverständlich, so wie das durch die Medien ging, das mussten die mitbekommen, er wollte morgen gleich mal das Sozialamt anrufen, er würde vorschlagen, dass sie die Mama besuchten, nach der sie stündlich fragten, die mussten die Wahrheit wissen, aus erster Hand, nicht aus dem Internet. Man schirmte die Kinder, so gut es ging ab, aber nur so gut es ging. Du kannst Kinder heute nicht mehr isolieren oder du sperrst sie ein.
Anna wusste nichts, sie schüttelte nur den Kopf, sie hauchte: „Was ist mit mir, warum bin ich so… ?“, sie bekam den Satz nicht zu Ende. „Sie sind sehr schwach, ich setze die Medikamente ab und ändere die Dosis, aber sie müssen erst einmal schlafen. Es wird alles wieder werden, Frau Krambach, vertrauen sie mir.“
Nach den Jungen fragte sie nicht, also ließ er es dabei, das würde sie nur aufregen, auch dass sie versorgt seien. Denn hier kannte sie niemanden, wem sollte sie also blind vertrauen. Sie schlief unter seinem Streicheln, wieder ein. Was für eine schöne Frau dachte er dabei und dachte daran, wie schön das Mal war mit der Frau, die er mal geliebt hatte und wie schön das wäre, so was wieder zu haben.
So saß er noch eine Weile da und vielleicht war es auch das, die liebevolle Energie, die er ihr schenkte, die liebevollen Gedanken, die ihr die Kraft gaben, zurück zukommen aus dem Land, in dem sie sich geflohen hatte. Zurück zu ihren Kindern, die ja nur noch sie hatten und sie dringend brauchten, vor allem, wenn sie erfuhren, dass der Papa tot war.
Der Papa war der Lokführer, der bei dem Unglück von Hordorf umgekommen war. So wurde es dann Morgen, sie fühlte sich etwas frischer, sie wurde wach und fühlte sich viel stärker.
Man half ihr sich zu duschen und sich etwas Frisches anzuziehen und schon am Nachmittag ging sie ein paar Schritte vor die Tür auf den Balkon. Sie aß etwas, nicht viel, aber immerhin. Der Nebel in ihrem Kopf, der verzog sich noch nicht so richtig. Sie erkannte sich, wer sie war und dass sie umgefallen war.
Nach dem Mittagsschlaf, den sie auch nutzte, kam der Arzt, der Stationsarzt, Doktor Meiser, so stellte er sich vor. „Wie geht es Ihnen heute Frau Krambach?“, sie saßen in einem anderen Raum. „Viel Nebel im Kopf, ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt hier bin, wo bin ich, was ist geschehen?“
Das war ein langer Satz, mit vielen Fragen, aber es geht aufwärts, das freute ihn sehr, das ist gut so.
„Frau Krambach, sie sind in der psychosomatischen Klinik in Magdeburg, man hat sie hierhergebracht, weil sie umgefallen sind, wissen sie warum?“ Er wollte es von ihr wissen, das war am leichtesten. „Umgefallen?“, echote sie, „Umgefallen, warum? Herz – Kreislauf oder so was, ist doch internistisch, warum psychosom …?“ Sie brachte das Wort nicht zusammen.
„Sie können sich gar nicht erinnern, was vorgefallen war, als sie, sagen wir mal, diesen Anfall bekommen haben? Denn das, was sie angefallen hat, war keine Schlange, wie sie heute Nacht gesagt haben, sondern etwas Traumatisches, ein Schock.“ Er blickte in ihr Schönes, jetzt aber alt aussehendes Gesicht. Mann muss die schön sein, wenn die glücklich ist.
Sie grübelte, langsam, ganz langsam verzog sich der Nebel. „Da waren zwei Männer bei mir“, den Assistenten des Staatsanwaltes hatte sie gar nicht registriert. „Was wollten die denn nur, was war da vorgefallen, es ist doch gar kein Krieg“, sie dachte laut, das war auch gut so. „Für Führer, Volk und Vaterland gefallen“, sinnierte sie weiter. Das hatte Horst gedacht, als der Staatsanwalt die Todesnachricht überbrachte, das kam ihr jetzt in den Kopf.
Oder hatte sie das gehört? „Wo ist denn überhaupt der Jürgen geblieben?“ Jetzt schob sich ein guter Gedanke in ihren Kopf, ihr Mann. Auf den hatte sie nämlich gewartet.
An ihrer Miene sah der Arzt, dass da etwas geschah, aber er musste es zulassen, das war die Wahrheit, die sich jetzt in ihr Hirn schob, die Realität, die sich meldete, sicher grausam und böse, aber real. Bei ihr sah das anders aus.
Klar war das nicht schön, aber da war nur wieder die Schlange, die Anakonda. Die sich um sie herumwickelte und um ihren Hals, diesmal ließ sie das aber nicht zu, sie packte das Vieh und warf es in die Ecke. Schwach war diese innere Geste zu sehen, sie zuckte kurz und dann duckte sie sich ein wenig, weil der Panther sprang, aber durch das Ducken sprang er über sie hinweg und so war sie die Viecher los.
Sie atmete tief durch. „Wo war der Jürgen, wie lange bin ich hier, meine Kinder?“
Viele Fragen wieder dachte der Arzt. Fangen wir einfach an und er sagte beruhigen: „Sie sind jetzt fast drei Tage hier. Ihre Kinder werden gut versorgt, da brauchen sie keine Sorgen haben. Sie sind nicht im Heim, sondern bei Kollegen von Jürgen, die helfen Ihnen, die warten alle nur, dass sie Ihnen helfen können. Und sie bitten sie, sich Zeit zu lassen, sie sollen gesund werden, richtig gesund, für ihre Kinder. Wie gesagt, die sind gut aufgehoben, ihre zwei wunderbaren Buben.“
Den Jürgen, ihren Mann, ließ er erst einmal weg. Noch ein Aufatmen, denn nachdem sie gehört hatte, sie wäre schon fast drei Tage hier, denn der Tag war nun schon wieder 16 Stunden alt, da hatte sie sich wieder angespannt. Sie nickte und noch etwas dämmerte ihr, es ist etwas passiert, warum sonst das Ganze, was sollte das sonst sein?
„Was ist denn passiert, warum klappe ich zusammen und lande in der Psychosomatischen, da ist doch was passiert, bitte sagen sie es mir, ich weiß es nicht!“ Der Arzt zögerte, er wollte ihr Zeit geben, sich zu fassen und wenigstens die halbe Erinnerung zu haben, bis ihr wieder alles komplett dargelegt wurde.
Sie sollte fit bleiben, die Kinder würden gleich kommen, die mussten das auch wissen, aber von der Mama. Sie blickte noch einmal zu den Viechern, die in der Ecke lauerten und herrschte sie im Stillen an: „Ihr bleibt dort, wo ihr seid, keinen Mucks, ich muss wissen, was hier los ist.“
Sie sagte: „Jürgen, ja wo war der Jürgen, der war arbeiten, Nachmittagsschicht, dann kam er nicht nach Hause, er hatte nicht angerufen, wenigstens eine SMS hätte er schreiben können, was war das? Und dann diese Männer. ‚Es tut mir leid‘, sagte der eine. ‚Was für ein Leid, und Tod‘, sagte der Andere im Dienst.
„Nein, nein, das kann nicht sein!“, rief sie in den Raum. Ganz leise fragte sie danach: „Kommt Jürgen nicht mehr wieder?“ „Nein, Ihr Mann kann nicht mehr kommen. Er ist … “, er sprach das Wort nicht aus, sie sollte es finden.
Jetzt dämmerte es ihr. „Das waren die Männer, die haben das erzählt, es tut ihnen leid, er ist im Dienst gestorben.“ Sie sackte in sich zusammen und das Wasser lief aus ihr heraus, wie aus einer Quelle.
Der Arzt gab ihr Taschentücher und sie schluchzte: „Warum das denn, wir sind, doch gerade erst hierher.“ „Das weiß ich Anna, ich weiß das, aber das wäre in Schwerin genauso doof, wie es das hier ist. Sie können ihn aber nicht sehen, das geht nicht, vielleicht später. Es ist vielleicht besser, sie behalten sein Bild, wie es war, als schönes Bild. Frau Krambach, geht es!“
Sie nickte nur, aber das Wasser lief halt, raus aus ihr, was sollte sie machen.
„Anna, Ihre Jungen kommen gleich, sie wissen das noch gar nicht. Es wäre gut, wenn sie das Ihnen erzählen würden. Das ist für die Jungen besser, dann können sie, sie gleich trösten, die Mama. Es sind doch Ihre lieben Jungen nicht?“, wollte er noch wissen.
„Ja“, sie nickte, „die sind unser Sonnenschein, nein, nur noch meiner“, und sie schluchzte weiter. „Anna, auch Jürgen wird immer bei Ihnen sein, bei den Jungs, wie er immer bei Ihnen, bei Euch allen, bleiben wird. Ihr werdet ihn nicht aus dem Kopf verlieren.“
„Was wird nun“, wollte sie wissen. „Sie werden gesund, seelisch stabil, verarbeiten das Ganze. Sie brauchen viel Kraft dafür, die haben sie. Und dann geht das Leben weiter, die Jungen brauchen sie, Ihre Liebe, Ihre Ordnung, Ihre Führung, sie brauchen, ihre starke Mama. Irgendwann scheint auch wieder die Sonne für sie, sie sind eine tolle Frau.“
Er dachte, ich würde dich sofort nehmen, unverpackt, einfach mitnehmen und er beschloss, sich privat um sie zu kümmern, als Freund, als Bewerber, als Therapeut, ohne Kohle haben zu wollen.
Sie nickte wieder und hatte schon einen schönen Berg nasse Tücher erzeugt. Sie putzte sich die Nase und sah ihn an. „Danke Ihnen, wie lange wird das dauern?“ Sie dachte natürlich an ihre Jungen.
„Wenn sie sich Mühe geben, aber richtig Mühe, sich anstrengen, dann reichen vier Wochen, vielleicht nur zwei, aber mindestens vier in der Tagesklinik, aber dann sind sie wieder zu Hause, abends.“
„Ja, das machen wir so, das mit den zwei Wochen und meinetwegen dann die Tagesklinik länger, aber die Jungen brauchen mich.“
Der Arzt nickte: „Das machen wir so und jetzt, machen sie sich ein wenig schön, ich hole mal die Jungen, die müssten da sein“, sie nickte und er stand auf und ging zur Tür. Er schickte die Schwester rein, Anna sollte jetzt nicht alleine sein und holte die Buben.
Die kamen in den Raum, sahen die Mama und blieben wie angewurzelt stehen. Sie sahen eine Mama, die sie so nicht kannten. Mama weinte nicht, warum auch, sie waren nicht böse und Papa auch nicht. Mama weinte, wenn irgendetwas traurig war, ein Film oder als der Opa gestorben war.
Der Opa und die Oma waren auch tot, was war mit dem Papa, auch den hatten sie drei Tage nicht gesehen.
Eigentlich vier Tage, war der etwa …? Der Große löste die Spannung und stürzte auf seine Mama zu. Er zog den Kleinen mit, der gar nichts begriff, er war halt noch zu klein. Sie fielen der Mama in die Arme. Wie wenig trauen wir unseren Kindern zu. Der Große fragte: „Ist was mit Papa, ist der etwa tot?“ Ganz hart benutze er das Wort „tot“, als wenn er immer darüber sprach, so altklug.
Das jagte allen eine Gänsehaut über den Rücken.
Anna wollte heulen, aber es kam nichts mehr, sie schluchzte bloß und nickte dabei, wie so ein Wackeldackel. Jetzt heulten auch die Jungen, der Papa war nicht mehr da, nie mehr, so richtig wussten sie nicht, was das endgültig bedeutete, aber sie ahnten, dass alles nur irgendwie schwerer würde, vorher war es doch schön gewesen und jetzt …?
Die Jungen lösten sich dann, als es auch für sie unbequem wurde, das müssen wir Männer ja immer irgendwie, nichts hält ewig fest. Das Sozialamt wollte etwas, nämlich eine Unterschrift, dass die Jungen bei der Pflegefamilie bleiben durften, sonst müssten sie ins Heim und man lies das Ehepaar, Rentner, alte Eisenbahner mit Frau Krambach allein. Sie hatten die Jungen hergebracht und warteten draußen, bis man sie rief.
Anna hatte sofort das Gefühl, dass das gut war, sie besprachen kurz ein paar Kleinigkeiten und Anna unterschrieb. Die BEX wollte sie unterstützen, sagten sie ihr noch, wenn sie Schwierigkeiten hätte, irgendwie Hilfe brauchten, sollte sie sich melden. Sie gaben ihr eine Telefonnummer. „Die helfen Dir wirklich“, versicherten sie. Sie drückte noch einmal Ihre Jungen und unterschrieb, nach dem die Jungen ihr versichert hatten, sie solle gesund werde.
„Es reicht, wenn Papa nicht da ist, wir brauchen dich Mama.“
Das war herzzerreißend, für alle, die dabei waren, aber es machte auch Mut, dass alles wieder gut werden würde, wenn sie fest daran glaubten.

Der Notruf
Günter schob den Fahrbremshebel nach vorn, langsam zog der Triebwagen an, bei 40 holte er ihn wieder auf neutral ein und ließ es rollen. Es rollte hier.
Die PZB, die punktförmige Zugbeeinflussung, das Sicherheitssystem, quittieren und am Zwischensignal gab es noch einmal 40, auch hier noch einmal quittieren, also weiter mit 40 km/h.
Günther hatte schlecht geschlafen und gähnte. Das Ausfahrsignal kam, immer noch 40, dann nach der Weiche machte er wieder die Hütte auf und befreite sich aus der PZB, sonst hätte er gleich wieder gestanden.
Er beschleunigte auf 100, die Landschaft zog vorbei, Felder, Wiesen, ein Graben, die Feldwegschranke. Dort stand ein Weißstorch, ein Raubvogel flog los, von einem T, das man extra zu diesem Zwecke gebaut hatte, für den Milan. Er gähnte wieder, jetzt könnte seine Zugbegleiterin kommen, dann könnten sie mal quatschen. Aber sie kam nicht. Egal wird schon gehen.
„Betriebsgefahr, alle Züge auf der Strecke Blumenberg-Magdeburg sofort anhalten, ich wiederhole, alle Züge auf der Strecke Blumenberg-Magdeburg sofort anhalten, Betriebsgefahr“, ertönte es aus dem Fernsprecherlautsprecher.
„Was soll das denn jetzt?“, dachte Günther und riss durch. Die Bremsmagnete knallten hörbar auf den Schienen, die im Falle einer Notbremsung die normale Bremse unterstützen sollen. Der Zug verzögerte rasch, hoffentlich halten die sich da hinten auch alle fest, dachte er noch. Sonst gibt es wieder Ärger, hätte man ja durchsagen können.
Vor ihm war die Sicht gut, gutes Wetter, Sonnenschein, es war schön warm, keine Gefahr zu sehen, also löste er die Bremse wieder, bis auf eine normale Bremsstufe, um den Ruck zu verhindern, auch um nicht ins Rutschen zu kommen. Warum auch, es ging auch so.
Er hielt ganz normal an, ohne Ruck. Schon sah er seinen Kollegen vor sich vom Gegenzug, der blinkte ihn an, mit dem Fernlicht und fuhr weiter. Er sah nicht, wer es war, sonst hätte er ihn angerufen über Handy, wie das mit dem Zugfunk ging, wusste er nicht, nie erklärt, nie gemacht.
Der Gegenzug fuhr weiter, er blieb stehen, mal sehen, was das wird, und schon klingelte sein Telefon: „Ja, hier 83155, was ist los?“, fragte er den Fahrdienstleiter. „Ja, hier Blumenberg, grüß dich Kollege, wir müssen mal einen Befehl schreiben, hier sind Personen im Gleis!“, und er wartete, bis Günther den Block hatte, der hinter ihm in einem Fach lag. Er musste sich bloß umdrehen.
„Triebfahrzeugführer Zug 83115, Vordruck 1 von 1, Standort Streckengleis Magdeburg-Blumenberg, Kilometer …? Ja wo stehst du eigentlich, sorry?“, fragte der Fahrdienstleiter.
„Kilometer, ja warte mal“, und Günther suchte sich einen Kilometerstein, Hektometertafel, wie das richtig heißt. „In Kilometer 83,5“, sagte Günther und schrieb das in seinem Befehl.
„Also Streckengleis Magdeburg – Blumenberg km 83,5, Grund Nummer 9. Sie müssen auf Sicht fahren im Bahnhof Blumenberg, von km 80,3 bis km 80,1, Grund Nummer streichen, Personen im Gleis, 9.5 ankreuzen Blumenberg, am 19.6.2012, dann wiederhole bitte“, forderte er Günther auf, dieser wiederholte und dann kam noch der komische Übermittlungscode x3zn4, und: „Mein Name ist Müller und deiner?“
„Scholz.“ „Ach, du bist es Günther, habe deine Stimme gar nicht erkannt“, meinte der Fahrdienstleiter und schob noch die Uhrzeit hinterher. Günther wiederholte auch das und erwiderte: „Ja vielleicht, weil ich schlecht geschlafen habe. Mir fehlt mein Schönheitsschlaf. Na dann leg du dich wieder hin“, beendete Günther das Gespräch mit einem Spruch und legte auf. Seine Tür klappte, die Zugbegleiterin war da, Ines, eine resolute Frau mittleren Alters, fragte, was es gäbe.
Jetzt brauchst du auch nicht mehr zu kommen, dachte Günther, jetzt bin ich sowieso wach, und er sah die Angst in ihren Augen. Sie hatte die Zwangsbremse sicher mitbekommen und dachte an den Unfall vor über einem Jahr.
„Alles o.k., nur Personen im Gleis, der Kollege hatte einen Notruf gemacht und ich musste durchziehen“, beruhigte Günther sie. Ach ja, dachte er noch, das war ja ihre Freundin gewesen, die Kollegin, die umgekommen ist. Er verstand das, wer stirbt schon gern und vor allem so. Und korrekt, wie sie auch war, machte sie eine Durchsage: „Meine sehr verehrten Damen und Herren …“
„Liebe Fahrgäste“, brummte er dazwischen.
Sie blickte ihn giftig an, ihre schöne Durchsage und er grinste.
„Auf Grund von Personen im Gleis, im Bahnhof Blumenberg mussten wir hier anhalten und weiter langsam fahren, um Schaden an Personen zu verhindern.“ Sie war immer etwas direkt, sollen die, die das zu verantworten haben, ruhig wissen, wer schuld ist, immer das Gemeckere auf die Unpünktlichkeit der Bahn. Wird jemand totgefahren, ist das Geschrei auch wieder groß, also sag es, wenn du was Gutes tust.
Günther grinste immer noch und der finstere Blick, wich einem Lächeln. „Siehst süß aus, wenn du Angst hast“, raspelte Günther und Ines verschwand, das mochte sie auch nicht. Ja, so sind die Frauen, „Biste de nett, is nich jut, biste nich nett, is och nich jut“, dachte Günther und fuhr wieder an. Da die Strecke vor ihm frei war, gut einsichtig, konnte er bis zum Bahnhof fahren, dort bremste er ab, nach dem Einfahrsignal, kam eine Linkskurve, aber der Gefahrenort war erst an der Ausfahrt und so ermäßigte er nur, um wenig Zeit zu verlieren, dass er hier eine Stunde verbringen würde, ahnte er nicht, ja auch nicht, dass es Wochen dauern würde.
Der Bahnsteig kam, er machte noch langsamer, wer weiß, anhalten musste er nicht und dann kam sie schon in Sicht, die Rampe, das Ladegleis und davor die geschlossene Schranke, der Kilometer 83 Komma 5.
Er bremste weiter ab. Er sah den Mann auf dem Betonblock sitzen, auf dem vor ihm einmal ein Rangiersignal gestanden hatte, Günther kannte es noch.
Der Mann, sah aus, als wäre er angegossen. Günther hätte bloß hupen müssen, aber trotzdem hielt er an. „Mann, das war doch Johann, der gute alte Johann, was machte der denn hier?“, dachte er, als er stand. Ines war wieder da. „Mach mal `ne Durchsage, da, sitzt Johann, ich gehe mal raus“, sagte Günther und bremste den Zug richtig fest, mit der Federspeicherbremse und gab die Türen rechts frei.
Beim Rausgehen und Aussteigen hörte er: „Liebe Fahrgäste, der Lokführer muss zum Erste Hilfe leisten, den Zug verlassen, sie bleiben bitte alle sitzen. Niemand rührt sich vom Platz, ist Polizei im Zug oder ein Arzt, bitte bei mir melden!“, und sie verließ auch den Führerstand, um das zu kontrollieren. Günther stieg aus und ging zu Johann.
„Johann, altes Haus, was machst du denn hier, wir machen uns Sorgen“, und er sah in das abgehärmte, traurige Gesicht von Johann, er sah in zwei leblose, tiefliegende Augen, sah einen völlig abgemagerten Johann und das rührte ihn zutiefst.
Er griff zum Handy, das in seinem Holster am Gürtel steckte, und wählte die 112. „Ja, hallo, hier Lokführer des Zuges 83155 Günther Scholz, ich stehe hier an der Schranke des Bahnhofes Blumenberg in Richtung Halberstadt und habe hier eine hilflose Person, das heißt, es ist Johann ……“, er schluckte, „Ja, bitte kommt vorbei.“
Der Beamte am anderen Ende wiederholte und versprach Hilfe. Günther wandte sich zu Johann und sagte: „Johann, komm her.“ Das Gehirn von Johann nahm den Befehl auf und leitete ihn an die Muskeln und Sehnen, weiter, mit dem Zusatz, jetzt könnt ihr aber und Johann stand auf. Seine Seele wollte noch nicht das Ende. Er ging in die Arme von Günther und dieser drückte ihn fest an sich. Man kannte sich, man mochte sich.
„Ich habe uns Hilfe geholt“, sagte Günther, nahm ihn an die Hand und führte Johann zum Triebwagen, nahm den Koffer auf und sie setzten sich in den Einstieg der offenen Tür. Ein Mann kam um die Ecke, Günther stand auf dem Überweg, das heißt, sein Triebwagen, die Schranke war inzwischen aufgegangen, die Zeit war abgelaufen, aber fahren ging ja nicht, der Triebwagen stand im Weg.
Würde sicher Ärger geben, dachte sich Günther, mit Bernd, dem örtlichen Betriebsleiter, aber das war ihm auf einmal alles egal.
„Was machen sie denn hier, können sie nicht woanders parken?“, der Mann war sehr ungehalten, ein Schlipsträger, wahrscheinlich wieder beim Wegrationalisieren von Menschen und er sagte laut zu ihm: „Ja, wir müssen hier parken, bitte beschweren sie sich“, und zu Ines gewandt fuhr er fort: „Ines beruhige bitte die Fahrgäste und rufe die Leitstelle an und sage ihnen ein verwirrter alter Mann hat sich verirrt, der Rettungswagen kommt.“ Und seine Tränen kullerten über seine Wangen, Mann wie tief kann man nur sinken, dachte er und drückte fast zärtlich die Hand von Johann.

*
Na klar war das Johanns Schuld, aber er wusste auch um seine Probleme, um seine Arbeitsbelastung. Das war schlimm und traurig zugleich. Er hatte ihn ein Jahr nicht gesehen, seit diesem Unfall und glaubte ihm würde geholfen, aber vielleicht geht das ja gar nicht. Schuldgefühle kamen ihm hoch, er hätte ihn mal besuchen müssen, einmal hatte er es versucht, aber da war er nicht vernehmungsfähig, man hielt ihn wohl für Polizei.
Er fühlte sich auch in ein tiefes Loch fallen, tief und tiefer, in eine tiefe Verzweiflung. Der Notarzt kam zuerst und sah beide heulend sitzen und fragte, wer denn der hilflose Mann sei.
„Eigentlich er“, zeigte Günther mit dem Finger auf Johann, „Aber ich kann auch nicht mehr, nehmen sie uns bitte beide mit.“
Die Tränen kullerten und es war schön, dass sie kullerten, wie lange hatte er das nicht gekonnt. Ines schaute auf die zwei heulenden Männer, die in der offenen Tür saßen, Händchen hielten, wie zwei Häufchen Elend, das war ihr zu viel, Männer, die heulen ertrug sie nicht und sie wurde die toughe Frau, die handelte: „Ja, wir brauchen noch einen Lokführer, Günther ist zusammengebrochen, der sitzt hier mit Johann und beide sind fürchterlich traurig“, meldete sie der Leitstelle.
Einer musste das hier ja organisieren.
Dann rief sie über Handy den Fahrdienstleiter an: „Ja, du musst hier erst einmal übers Gegengleis durchfahren, wir kommen hier nicht weg, Einzelheiten später,“ sagte sie kurz angebunden, sie war auch mal Fahrdienstleiterin und den Kollegen Müller, den kannte sie. Aber die Bahn hatte sie nicht mehr gebraucht, auch sie nicht mehr….

*

„Bernd, du musst raus“, sagte der Diensthabende der Leitstelle, „Ich habe niemanden anderes.“, er legte auf. Bernd, der örtliche Betriebsleiter der BEX, war sauer. Er hatte was anderes vorgehabt und er war immer ungehalten, wenn andere seine Pläne durchkreuzten.
Er rief noch den Eisenbahnbetriebsleiter an, nicht ohne eine gewisse Genugtuung, denn der Notfallmanager war jetzt eigentlich er. Er konnte aber schlecht zwei Jobs machen. Der nahm nicht ab, war nicht erreichbar, also musste er erst einmal alleine los, vielleicht brauchte er den auch gar nicht, mal sehen. Er ging zum Einsatzwagen, machte das Blaulicht an und fuhr los. Bernd kannte alle Schleichwege, um an Gleise der Strecke zu kommen, er fuhr die regelmäßig ab, aber das war hier an der Schranke, das war einfach.
Nach 15 Minuten war er da, das Blaulicht war hilfreich, er fuhr gerne damit, gab ihm Macht über die Straße, er liebte die Macht, sie auszuüben, wenn er welche hatte. Er stellte den Wagen sorgfältig ab, musste ihn ja nachher wieder mit einer Taxe holen und ging zum Zug. Der Krankenwagen war schon weg und Ines stand beim Zug und empfing ihn.
Sie berichtete ihm alles, ließ das Heulen aber weg. Muss der Arsch nicht wissen, dachte sie dabei. Bernd war erleichtert, mehr Arbeit gab es nicht als Notfallmanager hier zu tun, also kein Unfall. Bericht musste aber doch geschrieben werden, doch das ließ er Ines tun. Er kletterte in den Zug hinein und rief den Fahrdienstleiter an, plus 60 Minuten, es könnte weitergehen und es ging weiter.
Denn Ines hatte mit dem Fahrdienstleiter schon den Befehl geschrieben, sie konnte das ja, es musste bloß noch der Name des Lokführers rein, die Uhrzeit und der Übermittlungscode. Wer sich diesen Blödsinn, mit dem Übermittlungscode bloß hat einfallen lassen, dachte sie und sie bereute es, den Befehl geschrieben zu haben, denn der Arsch, dankte es ihr nicht.

*

Sie wurden in die Klinik gefahren. Dort wurden sie erst einmal untersucht. Körperlich war nichts und Günther stellte den Fall auch so dar, dass Johann etwas verwirrt sein musste, da steckte sicher kein wirklicher Suizidversuch dahinter.
Warum war er denn jetzt aber mitgefahren. Er schlief sehr schlecht, hing des Öfteren am Tage durch, fand keine Ruhe am Tage mehr und ihn nahm alles außerordentlich mit. Manchmal hatte er Angst, dass die Welt bald im Eimer wäre. Die Diagnose war schnell gefunden, Günther war auch ausgebrannt, man behielt ihn in der psychischen Akut, zwei Wochen da und es war ein Glück, dass Johann auch hierbehalten wurde. Man untersuchte ihn eingehend und fand dann auch heraus, dass er wirklich etwas verwirrt war. Natürlich kam man recht schnell dahinter, dass Johann aus der psychiatrischen Klinik entlassen worden war und dann diesen merkwürdigen Rastplatz gesucht hatte, wie man das nannte.
Das war wohl ein wenig zu früh gewesen, das hätte sicher noch ein, zwei Wochen gebraucht und man verständigte sich auf eine Zusammenarbeit, auch weil Johann dort unbedingt nicht mehr zurückwollte. Es wurde eine Besprechung anberaumt, an der auch die Kollegen der psychiatrischen Klinik dabei waren, die ihn bisher behandelt hatten. Sie wünschten ihm sogar, dass er es schaffen würde, trotz des angeblichen Suizidversuches.

 

Expose für den Fahrradmörder

Der Fahrradmörder

Es ist Krieg, mitten im Frieden tobt ein gnadenloser Kampf auf unseren Straßen, besonders in Berlin. Es geht um das bedingungslose Recht auf den Fahrweg. Ja Autofahrer sind auch nicht ohne, aber was Fahrradfahrer sich erlauben dürfen ….
Wen wundert es, wenn da mal Jemand ausrastet? Bevor ich das aber mache, schreibe ich ein Buch, vielleicht muss ich das dann nicht!

Krimis zugegeben, die gibt es genug, es gibt aber einige, die sind einzigartig, gerade wegen der Geschichte – ein Mord, Kommissar ermittelt – Täter gefasst.
Es ist das Thema, wie Nele Neuhaus – „Wer wind sät erntet Sturm“!

Das Thema: FAHRRADFAHREN, jemand dreht durch, weil ihm Unrecht passiert, das gibt es so noch nicht!
In Oberhavel wird eine Leiche gefunden, ein Fahrradfahrer, eingegraben, zerlegt, auch in Berlin und im Barnim. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte Hinweise, obwohl die Eines alle gemeinsam haben. Es sind hemmungslose Zeitgenossen, trotzdem findet sich kein Ansatz. Wieder wird eine Soko gebildet, dennoch, Hauptkommissar Freitag ist ratlos, schon wieder ein Fahrradfahrer, das ist eine Serie und sie tappen völlig im Dunkeln. Als sein Nachbar überfallen wird, wendet sich das Blatt.

Leseprobe

Das Loch war zugebuddelt, zufrieden blickte Er auf das gut getarnte Grab. Das würde niemand so schnell finden. Diesen Teufel hatte er beseitigt, wichtig waren ja immer die Eier, die lagen ganz unten, die waren am sichersten der Fäulnis ausgesetzt. Nun musste Er bloß noch das Fahrrad verschwinden lassen, er konnte es nicht zerstören, zu dicht war er am Weg, wo er den Teufel aufgelauert hatte. Das gäbe zuviel Krach, das musste nicht sein, also blieb nur, es in den See zu versenken.
Der war nicht weit entfernt und Er schob es ganz weit rein. Mit den Sachen, derer er sich danach entledigen würde versenkte er es, als er gerade noch stehen konnte. Das war an einer Stelle, wo man eigentlich nicht baden ging, also keine Badestelle, die es hier ein paarmal gab. Das Wasser war kalt und die nassen Sachen nachher ebenso, aber das störte ihn nicht.
Das Brummen war weg, dieses wahnsinnige Brummen, das den Kopf platzen ließ, das war jetzt weg, für einige Zeit hatte er Ruhe und fuhr nach Hause, wo er das Mitbringsel an seinen Platz positionierte und die nassen Sachen zum Trocknen ausbreitete, um sie nachher zu verbrennen.

Hauptkommissar Bernd Freitag saß fast verzweifelnd in seinem Büro und ließ von der Akte ab, die er gerade studierte. Da war nichts, bei dem Mord im Barnim hatten sie nichts übersehen. Das war auch zum Mäusemelken, sie hatten nichts, außer nun schon zehn Leichen, drei in Berlin, eine im Barnim und der Rest, hier in Oberhavel.
Das war immer der Fahrradmörder, die Männer verschwanden beim Fahrradfahren. Alle waren eingegraben, zerstückelt, fachmännisch zerlegt, meinten die Pathologen und wurden nach erheblicher Zeitverzögerung gefunden, weil Schweine und Hunde tiefer gegraben hatten.
Es gab keine zeitlichen Bezüge und auch keine Verbindungen der Opfer untereinander, aber auch nicht den Hauch eines handfesten Motives in der Umgebung der Opfer.
Alle Alibis waren sicher, alle Opfer sind cholerikergewesen, es waren keine wirklich guten Zeitgenossen. Der eine war sogar Manager des ehemaligen Ostbahnhofes, des Bahnbetriebswerkes Hauptbahnhof, wie es sein Nachbar nannte, der bestand auf das „Hauptbahnhof“. Der war mal Lokführer dort gewesen und hatte die Abwicklung miterlebt.
Anja, seine junge Kollegin, blickte auch von ihren Akten auf. Sie sah ihn etwas traurig an und sah seine Niedergeschlagenheit. „Du findest auch nichts“, fragte sie völlig überflüssig, aber es sollte wohl ein Trost sein, für ihren Chef.
Das Telefon klingelte, Bernd ging ran, sprach kurz mit dem Anrufer, dabei hellte sich sein Blick auf.
„Anja, das könnte was werden. Mich hat soeben der Anwalt angerufen, der den Lokführer von Hordorf verteidigt hat, ich habe dir davon erzählt, die haben vielleicht was, was uns helfen könnte. Ein Opfer, das wir nicht auf der Uhr hatten, da kümmere ich mich morgen drum, ich fahre nach Magdeburg.“
Anja nickte erfreut und auch ihre Miene hellte sich auf. „Das könnte es sein, habt ihr damals in der Soko, in Berlin nach Opfern gesucht, die nicht dem Muster entsprechen, aber zum Beispiel fanatische Fahrradfahrer sind, ungeklärte Unfälle, Fahrerflucht oder komische Stürze?“
Sie war aufgestanden und kam zu ihm rüber.
Bernd dachte nach, nein, das hatten sie nicht, aber ihm kam noch ein Gedanke. Zusammenhänge mit den Opfern, Vorfälle die aktenkundig sind. Unfälle mit Fahrradfahrern, die zu Urteilen geführt haben, Fahrverbote, die die berufliche Existenz gekostet hatten.
Und als wenn Anja seine Gedanken lesen könnte, fügte sie hinzu: „Psychisch labile Menschen, die solch einen Unfall nicht verarbeiten konnten.“
Sie beschlossen, damit am nächsten Tag zu beginnen, spätestens aber, wenn Bernd aus Magdeburg zurück war.
Jetzt war erst einmal Feierabend und den genossen beide, Anja mit ihrem lieben Mann und den zwei süßen Kindern und Bernd mit seinem Nachbarn, dem Hartmut, dem Lokführer, der gerade wieder einmal zu Hause war, nach der Reha. Sie setzten sich bei einem Bier, in den Garten und genossen den Abend, bis der Nachbar gegenüber zu trommeln begann, aber da kam auch schon Marlis, die Frau von Bernd und so gingen sie rein, in die Trommelruhe.

Frank Maranius 2016